Die astronomischen Grundlagen des französischen Revolutionskalenders

von Prof. Dr. Peter Aufgebauer

Jahresanfang

Der Jahresanfang im Revolutionskalender war auf zwei Fixpunkte bezogen. Im 1. Artikel des Dekrets wurde verordnet: „Die Ära der Franzosen zählt von der Gründung der Republik an, die am 22. September bürgerlicher Rechnung stattfand, an dem Tag, als die Sonne das wahre Herbstäquinoktium erreichte und um 9h 18m 30s morgens, nach der Zeit des Pariser Observatoriums, ins Zeichen der Waage trat“.[1] Ergänzend legte der 3. Artikel fest: »Jedes Jahr beginnt mit der Mitternacht des Tages, auf den das wahre Herbstäquinoktium fällt, gemessen nach der Zeit des Pariser Observatoriums«.[2]

Dabei war die Proklamation der Republik offenkundig eher ausschlaggebend als das Herbstäquinoktium, und gerade der ausdrückliche Bezug auf das astronomische Faktum des Äquinoktiums macht deutlich, daß man hier gegen einen wesentlichen Grundsatz der Chronologie verstoßen hat: gegen die Forderung nach leicht faßlichen, mnemotechnisch einprägsamen Regeln. Denn diese Bestimmung des Jahresanfangs stellte eine direkte Abhängigkeit von der Veränderlichkeit der Tag- und Nachtgleichen (Präzession der Äquinoktien) her und machte eine halbwegs sichere Vorausberechnung des Jahresanfangs unmöglich; zudem mußte die Jahreslänge aus demselben Grund sich von Jahr zu Jahr ändern.

Zwar waren bei der Einführung des Kalenders auch Tabellen veröffentlicht worden, welche für die ersten dreizehn Jahre das Herbstäquinoktium und die Schalttage im voraus angaben,[3] aber schon die Regelung für 1794 wurde von Lalande und später auch von [4]

Angesichts dieser elementaren Schwierigkeiten und des verbesserungsbedürftigen Zustands der damaligen Sonnentafeln ist es so gut wie sicher, daß die beiden so wissenschaftlich-astronomisch klingenden Artikel gegen den ausdrücklichen Willen der Fachgelehrten entstanden sind: Denn ein Jahresanfang, der von Jahr zu Jahr erst von den Astronomen neu bestimmt und anschließend von der gesetzgebenden Versammlung verkündet werden mußte, konnte bei niemandem, der mit den Grundbegriffen der Chronologie vertraut war, Anklang finden.

Auf eine weitere Schwierigkeit, welche in Grenzfällen die astronomische Bestimmung des so definierten Jahresanfangs praktisch unmöglich machte, ist im Zusammenhang mit der Schaltweise des Revolutionskalenders noch näher einzugehen.

Nachdem die führenden Astronomen, vor allem Delambre[5], Lalande[6] und wohl auch Laplace[7] sich betont gegen diese Definition des Jahresanfangs ausgesprochen hatten, arbeitete Romme eine Gesetzesvorlage aus, welche die Einwände der Astronomen berücksichtigte und dem Kalender ein mittleres Jahr mit geregeltem Schaltmodus geben sollte. Als der Vorsitzender des Kalenderkomitees jedoch im Zuge der Verschwörung gegen die Jakobiner im Mai 1795 zum Tode verurteilt wurde und sich das Leben nahm, um seiner Hinrichtung zuvorzukommen, war auch der Versuch der Astronomen, den Revolutionskalender zu modifizieren, zum Scheitern verurteilt.[8]

Will man die Festlegung des Jahresanfangs nach den eingangs erwähnten Kriterien bewerten, so muß gesagt werden, daß diese Regelung wenig Erfolg versprach, im übrigen Europa Schule zu machen. Abgesehen von der rein technisch komplizierten Ermittlung des Jahresanfangs stellten vor allem auch die politisch motivierte Bindung an ein Ereignis der französischen Geschichte und die Betonung des Pariser Meridians als des allein maßgebenden entscheidende Hindernisse dar. Im übrigen hätten die europäischen Monarchien vermutlich auch einen in jeder Hinsicht vollkommenen Kalender, wenn er aus dem revolutionären Frankreich kam, abgelehnt.

Den zwar nicht aussichtsreichen, aber astronomiegeschichtlich interessanten Versuch, in bezug auf Ära und Jahresanfang dem Revolutionskalender „einen universellen Anstrich“[9] zu geben, unternahm Laplace.[10] Es sei zu wünschen, so schrieb er 1795 mit kritischer Wendung gegen den definierten Jahresanfang und die Ära des Revolutionskalenders, daß alle Völker eine von Revolutionen unabhängige Ära benützten, die allein an astronomische Erscheinungen anknüpfe. So biete es sich an, den Beginn der Ära auf dasjenige Jahr zu legen, „in welchem das Apogäum der Sonnenbahn mit dem Sommersolstitium zusammenfiel“ und die große Achse der Erdbahn senkrecht zur Linie der Nachtgleichen stand. Dies war nach seiner Berechnung im Jahre 1250 der Fall. Als Jahresanfang sei der 15. März 1250 geeignet, an dem um 5h, 3676 Pariser Zeit das mittlere Frühlingsäquinoktium eingetreten sei. In diesem Zusammenhang könne man auch gleich den Nullmeridian festlegen, und zwar auf den 1850 2960. östlich von Paris -nach der neuen Vierhundert-Grad-Teilung -, denn für diesen Meridian fiel der Anfang der vorgeschlagenen Ära auf Mitternacht.


[1] L’ère des Français compte de la fondation de la République, qui a eu lieu le 22 septembre 1792, de l’ère vulgaire, jour où le soleil est arrivé à l’équinoxe vrai d’automne en entrant dans le signe de la balance à 9 heures 18 minutes 30 secondes du matin pour l’observatoire de Paris.

[2] Le commencement de chaque année est fixé à minuit commençant le jour où tombe l’équinoxe vrai d’automne pour l’observatoire de Paris.

 

[3] Collection de Documents, T. 2 (1894), S. 890.

[4] Montucla/Lalande (1802), S.333; Pierre Simon de Laplace (1806), S.490.

[5] Delambre (1814), S. 696.

[6] Montucla/