Die astronomischen Grundlagen des französischen Revolutionskalenders

von Prof. Dr. Peter Aufgebauer

Schlußbemerkung

Es bleibt zunächst noch kurz das Ende des Revolutionskalenders zu erwähnen: Nachdem sich offensichtlich die einzelnen Elemente des Kalenders in der französischen Bevölkerung nicht durchgesetzt hatten und augenscheinlich geworden war, daß dieser Kalender im übrigen Europa nicht Schule machen würde, setzte im September 1805 der Senat eine Kommission ein, welche ein Gutachten zur Kalendersituation erarbeiten sollte. In ihrem Namen erstattete Laplace den Bericht an den Senat. Er erwähnte, daß - seit dem Konkordat zwischen Napoleon und Papst Pius VII. m Jahre 1801 - die Woche und einige Kirchenfeste auch offiziell wieder in Gebrauch gekommen waren, daß der Revolutionskalender sich im Ausland nicht hatte durchsetzen können, ja, im Gegenteil bewirkt hatte, »uns mitten in Europa zu isolieren« und betonte schließlich die einstimmige Empfehlung der Kommission, zum Gregorianischen Kalender zurückzukehren.[1] Durch Senatsbeschluß erlangte daraufhin mit Wirkung vom 1. Januar 1806 (11. Nivôse XIV) erneut der Gregorianische Kalender Geltung.

Fassen wir abschließend die Einstellung der führenden französischen Astronomen jener Zeit zum Revolutionskalender zusammen, soweit sie individuell ihre Meinung dazu geäußert haben:

Delambre, der im Auftrag der Pariser Akademie die berühmte Gradmessung zwischen Dünkirchen und Barcelona leitete - sie wurde übrigens bereits mit dezimal geteilten Instrumenten vorgenommen[2] - und damit die Basis des metrischen Längenmaßsystems erstellte, tritt als prominenter, sehr differenziert urteilender Verfechter der Dezimalteilung des Tages auf, aber als ebenso entschiedener Kritiker der Definition des Jahres- anfangs und der Schaltweise.

Lagrange nahm eine ähnlich differenzierte Haltung ein; die Dezimalteilung des Tages befürwortete auch er, zur Regelung von Jahresanfang und Schaltweise stand er eher ablehnend und beteiligte sich an der Diskussion um die praktischen Auswirkungen des Revolutionskalenders in den Belangen der Wissenschaft. So erstattete er dem Komitee im Dezember 1793 einen Bericht „Über einige Schwierigkeiten, die sich in der Berechnung der Planetenbewegung nach dem neuen Kalender ergeben und über die Mittel, sie zu beheben“.[3]

Lalande erscheint zunächst als beinahe kompromißloser Gegner dieser und jeder anderen Kalenderänderung, einschließlich der gregorianischen von 1582.[4] Nachdem aber der Revolutionskalender einmal eingeführt war, sah er sich veranlaßt, 1796 auf dem Astronomen-Kongreß in Gotha neben der Dezimalteilung für Maße, Münzen, Gewichte und Kreisbögen auch die der Zeit als empfehlenswert darzustellen, allerdings ohne jeden Erfolg.[5] Daneben gehörte Lalande jedoch mit seiner großen »Bibliographie astronomique“ zu denjenigen Autoren, die unerschrocken weiterhin die Erscheinungszeiten auf den Titelblättern ihrer astronomischen Schriften nach dem Gregorianischen Kalender drucken ließen. In spektakulärer Weise ergriff er schließlich 1802 angesichts des vorauszusehenden Scheiterns des Revolutionskalenders öffentlich Partei gegen ihn. In einem Vortrag über die Entwicklung der Astronomie während des vergangenen Jahres äußerte er bei Anwesenheit eines Ministers die Sätze: »Der erste Tag des neunzehnten Jahrhunderts war gekennzeichnet durch die Entdeckung eines neunten Planeten. Ich bediene mich hier des Kalenders aller Nationen, überzeugt davon, daß die französische Regierung bald einen Kalender aufgeben wird, der sowohl von unseren Nachbarn wie auch der großen Mehrheit der Franzosen weder mit Verständnis betrachtet noch gebilligt werden kann«; an dieser Stelle wurde er von stürmischem Beifall unterbrochen.[6] Laplace hat früher als andere die Dezimalteilung des Tages vertreten; im übrigen kritisierte er den Jahresanfang und die Ära des neuen Kalenders, und zwar unter Anführung einer - wie erwähnt - sehr eigenwilligen Alternative.

Die entscheidende Ursache für das Scheitern des Revolutionskalenders ist neben dem nicht zu lösenden Problem, Zeitrechnung und Dezimalsystem konsequent miteinander zu verknüpfen, wohl darin zu sehen, daß es sich als unmöglich erwies, eine im gesellschaftlichen Leben und im Bewußtsein der Bevölkerung so tief verankerte Einrichtung wie den christlichen Kalender handstreichartig durch eine abstrakt konstruierte neue Zeitrechnung zu ersetzen. In diesem Sinne lassen sich aus der Geschichte des Revolutionskalenders auch Bewertungskriterien für die noch heute hier und da spürbaren, aber in einem bezeichnend geringen Maße aktuellen Bestrebungen zur neuerlichen Reform des Gregorianischen Kalenders gewinnen.

Dr. Peter Aufgebauer Institut für Historische Landesforschung Platz der Göttinger Sieben 5

D-37073 Göttingen email: paufgeb(at)gwdg(dot)de


[1] Laplace (1806).

[2] Instruction (1794), S. 29.

[3] Collection de Documents, T. 3 (1897), S.136.

[4] Montucla/Lalande (1802), S. 329.

[5] Mädler (1873), Bd. 2, S.31.

[6] Wolf (1890), S. 612.


 

 

Letzte Änderung der Seite: 13. 02. 2019 - 20:02