Die astronomischen Grundlagen des französischen Revolutionskalenders

von Prof. Dr. Peter Aufgebauer

Tag

Im 11. Artikel des erwähnten Dekrets wurde verordnet: „Der Tag, von Mitternacht bis Mitternacht, wird in zehn Teile oder Stunden geteilt, jeder Teil in zehn weitere und so fort bis zur kleinsten meßbaren Zeitdauer. Der hundertste Teil der Stunde heißt Dezi- malminute; der hundertste Teil der Minute heißt Dezimalsekunde“.[1]

Die ersten und entschiedensten Befürworter dieser neuen Stundenrechnung scheinen Lalande mit einem Vorschlag aus dem Jahre 1792 und Delambre gewesen zu sein.[2] In Rommes Bericht vor dem Konvent wird zur Begründung der Zehnerteilung angeführt, die bisherige Teilung der Stunde in 60 Minuten sei für astronomische Rechnungen unbequem und mehrere französische Astronomen hätten bereits vor der offiziellen Dekretierung ihre Instrumente auf Dezimalteilung umgestellt, weil man damit »schneller und genauer« arbeiten könne. Auch gebe es zu astronomischen Beobachtungszwecken schon einige Uhren, bei denen der Tag in Dezimalstunden unterteilt sei.

In die Propagierung der neuen Tagesteilung unter der Bevölkerung und in den Kreisen der Wissenschaft wurde auch die »Connaissance des Temps« einbezogen; die von Lalande redigierten Bände aus jener Zeit[3] zeigen neben den Längen- und Raummaßen auch die alten und neuen Zeitmaße gegenübergestellt:

1h neuer Teilung entspricht 2h 24m der alten,

1m neuer Teilung entspricht 1m 26s4 der alten,

1s neuer Teilung entspricht 0,864s der alten.

Sowohl Romme in seinem Bericht wie auch Lalande an anderer Stelle[4] sahen hier nicht nur ein abstraktes Prinzip verwirklicht, sondern betonten, daß die neue Sekundenlänge, bzw. die Schwingung des danach angefertigten neuen Sekundenpendels genau mit dem „Puls eines Menschen von mittlerer Größe“ übereinstimme. Die von Laplace in seiner berühmten naturphilosophischen Schrift[5] als die »einfachste Einteilung« gepriesene Tagesteilung schätzte auch Lagrange in einem Gutachten vor der »Kommission für die republikanischen Maße und Gewichte« positiv ein. Er führte aus, sie vereinige in sich alle Vorteile, die man sich nur wünschen kann, „sowohl für die Bedürfnisse des Lebens wie auch für die astronomischen Berechnungen“; lediglich die Bezeichnung für Stunde, Minute und Sekunde solle man nach dem Beispiel der beschlossenen Unterteilung des Meters umbenennen in Dezi-Tag, Zenti-Tag usw.[6] Dieser Vorschlag blieb allerdings unbeachtet.

An Einwänden wurde jedoch alsbald geltend gemacht, daß die Teilung des Tages in zehn Stunden, die der Stunde aber in einhundert Minuten und der Minute in einhundert Sekunden nicht dem natürlichen dekadischen System entspreche, »weil man zuerst zwar Zehntheile des Ganzen, dann aber Hunderttheile des Zehntheiles, und ferner Hunderttheile des Hunderttheiles vom Zehntheile nimmt, und dabey diese Dinge mit alten, längst von der Welt in einer anderen Bedeutung allgemein gebrauchten Nahmen, Stunden, Minuten, Secunden benennet«[7]. Zudem sei die neue Stunde eine für den praktischen Gebrauch im gesellschaftlichen Leben unbequem große Zeiteinheit. Besser wäre es, die durch die Natur gegebene Einteilung in Vormittag und Nachmittag jeweils in zehn Teile zu gliedern, diese Teile in zehn weitere und so fort.

In unmittelbarem Zusammenhang hiermit stand nun jedoch eine ganz elementare Schwierigkeit: Man sah sich genötigt, sämtliche Uhren Frankreichs umzubauen, den Gang des Uhrwerks zu ändern und die Zifferblätter auszuwechseln! Diesen Umstand voraussehend, hatte das Dekret im Schlußsatz des 11. Artikels bereits die Frist von einem Jahr eingeräumt.

In der Geschichtsschreibung der Astronomie, sofern sie den Revolutionskalender zur Kenntnis nimmt, gilt diese Tagesteilung als eine wesentliche Ursache für das Scheitern des Kalenders. Ernst Zinner[8]nennt sie „besonders unbeliebt“; für Rudolf Wolf[9] scheint „dieser Beschluß jedoch nie in Ausführung gekommen zu sein“. Wilhelm Foerster[10], dem das Ganze als eine »im Sinne eines bloßen Dezimalfanatismus geplante Einteilung« erscheint, war der Meinung, diese Tagesteilung konnte »unmöglich die Zustimmung der bedeutenden Männer finden, denen wir das metrische System, und denen wir auch eine verbesserte Einteilung des Kreisumfanges verdanken«. So pauschal allerdings läßt sich diese Ansicht, wie aus der Beteiligung gerade der bedeutendsten Astronomen hervorgeht, nicht halten.

Daß der Durchsetzung dieser Einteilung im alltäglichen Gebrauch ganz bedeutende technische und organisatorische Schwierigkeiten im Wege standen, hatten also sowohl das Komitee wie auch der Konvent sofort erkannt. Das Komitee startete unter den Uhrmachern einen allgemeinen Wettbewerb mit der Aufgabe, herauszufinden, wie man eine Uhr bisheriger Teilung am besten »dezimalisieren« könne[11]; der Mechaniker Hanin entwarf ein Zifferblatt, das die alte und die neue Teilung im Vergleich zeigte und erhielt mehrfach vierstellige Summen zugesprochen, um seinen Entwurf in der Bevölkerung propagieren zu können. Die bekannten Uhrmacher und Mechaniker Berthoud, Firstenfelder, Lenoir und Perrier bauten Dezimaluhren; eine große Dezimaluhr wurde an den Tuilerien angebracht, eine weitere wurde im Konferenzsaal der Nationalversammlung aufgestellt und erhielt symbolische Bedeutung dadurch, daß man direkt unter ihr eine Rousseau-Statue plazierte.[12]

Freilich ist kaum zu bestreiten, daß sich die neue Tageseinteilung bei der breiten Bevölkerung nicht einbürgerte, zumal man sich genötigt sah, aus Gründen der Eindeutigkeit die alte Zwölferteilung parallel mitzuführen.

Solche Uhren, die beide Einteilungen nebeneinander, mit jeweils besonderen Zeigern aufweisen, sind verschiedentlich erhalten geblieben, sowohl als Wand- und Standuhren, wie auch als Taschenuhren (»Revolutionskloben«). Man findet derartige Exemplare u. a. im Musée Carnavalet in Paris, im historischen Museum zu Orleans, im Museum für Kunst und Geschichte in Genf und im Wuppertaler Uhrenmuseum Abeler.[13]


[1] Le jour de minuit à minuit est divisé en dix parties. Chaque partie en dix autres, ainsi de suite jusqu’à la plus petite portion commensurable de la durée ....

[2] Vgl. Mädler (1873), S.54; Darmstädter (1908).

[3] »Connaissance des Temps« (1789-99), S. 458. - Dieses Zeitschrift wurde 1679 begründet und war neben dem »Nautical Almanac« und dem »Berliner Astronomischen Jahrbuch die führende atsronomische Zeitschrift. Seit 1795 wurde die »Connaissance des Temps durch das in jenem Jahre begründete »Bureau des Longitudes« herausgegeben; als dessen Direktoren waren Lalande und Delambre langjährige Chefredakteure der »Connaissance«.

[4] 26 Lalande (1798-99), S.262.

[5] Laplace (1795-96), S. 37.

[6] Collection de Documents, T. 3 (1897), S.606.

[7] Vega (1801), S.138. Georg (Jurij) Freiherr von Vega (1754-1802) war zunächst Navigationsoffizier und seit 1780 Professor der Mathematik an der Artillerieschule zu Wien; bekannt wurde er vor allem als Autor logarithmischer und trigonometrischer Tafelwerke, die es bis zu 90 Auflagen brachten, ferner durch seine »Vorlesungen über die Mathematik« (1782-1800, 4 Bde.).

[8] Zinner (1931), S. 418.

[9] Wolf (1890), S. 612.

[10] Foerster (1887), S.34.

[11] Collection de Documents, T. 3 (1897), S. 429.

[12] Collection de Documents, T. 2 (1894), S.752.

[13] Bassermann-Jordan (1961), S.422 m. Abb.; Abeler (1968), S. 32 m. Abb.


 

 

Letzte Änderung der Seite: 13. 02. 2019 - 20:02