Titel

vom .

Liebster Papa!

Seitdem ich die Ehre hatte, Ihnen zu schreiben, vernahm ich mit vielen Vergnügen, daß Sie glücklich nach Schönbrunn zurückgekommen sind und daß Ihre Gesundheit ohngeschadet der schlechten Witterung nicht gelitten hat. Ich bethe täglich zu Gott, daß Sie viele und viele Jahre, so wohlauf und zufrieden bleiben möchten, zum Troste aller Jenen welche Sie so zärtlich und ehrfurchtsvoll als ich lieben. Durch die Piemontische Zeitung habe ich zuerst den Tod des Kaisers Napoleon vernommen, der ich kaum einen Glauben beymeßen konnte, wenn die Details nicht so genau angegeben gewesen wären. Heute theilte General Vincent die offizielle Nachricht seines Todes dem Neipperg unterm 6ten dieses aus Paris mit - und Hauptmann Foresti schrieb selber unterm 14ten dieses aus Wien die gnädigen Befehle, die Sie ihm in Betreff meines Sohnes gegeben haben. Diesen empfehle ich Ihren immer so zärtlich gegen uns bewiesenen väterlichen Herzen damit ihm auch von Seite des Englischen Gouvernements in Betreff der Hinterlaßenschaft seines Vaters kein Abbruch geschähe. Wir haben beyde in kindlicher Hingebung dem Wohl und der Ruhe unseres Vaterlands und Europa´s hinlängliche Opfer gebracht. Für mein Kind hoffe ich eine glückliche, seiner Herkunft angemeßene Existenz; für mich Ruhe und Frieden, deren meine Gesundheit sehr bedarf. - Ich und mein Haus werden nach der mit Metternich schon lange vorher getroffenen Übereinkunft eine drey Monath lange Trauer anlegen. Der übrige Hofstaat und die Beamten, Militäre etc. etc. keine. Es wäre mir ein großer Trost gewesen nach Wien kommen zu können, aber weder die überhäuften Geschäften noch meine Gesundheit, welche nicht im Stande wäre eine so lange Reise auszuhalrten, erlauben mir es, und ich tröste mich mit dem Gedanken, daß es auf das Jahr seyn wird, wenn Sie mir Ihre gnädige Erlaubniß dazu geben. - Ich bitte Sie auch liebster Papa, dieses Gekritzel zu entschuldigen, aber ich bin durch so verschiedene Gefühle bewegt, und die Hitze ist dabey so unerträglich daß ich ganz ermattet bin - Ich küsse Ihnen sowohl als der Mama vielemal die Hände, und verbleibe mit der zärtlichsten kindlichen Liebe und Ehrfurcht

Liebster Papa!

Ihre gehorsamste
Tochter Louise

Quelle:
Schiel, Irmgard: Marie Louise - Eine Habsburgerin für Napoleon, München 1986


 

 

Letzte Änderung der Seite: 20. 02. 2019 - 18:02